LICH (PM). Erwachsene mit geistiger oder schwerer Mehrfachbehinderung sollen in der Region besser medizinisch versorgt werden. Dafür setzt sich die Lebenshilfe Gießen ein. Langfristig will sie ein MZEB für Mittelhessen erreichen, also ein Medizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit Behinderung. Zum Auftakt lud sie zu einem Runden Tisch in die Asklepios Klinik Lich ein. Rund 50 Fachleute aus Politik, Medizin, Verbänden und Selbsthilfe kamen, teilt die Lebenshilfe mit.
„Absolute Unterversorgung“
Dr. Thilo Schwandner, Ärztlicher Direktor der Asklepios Klinik Lich, sprach von einer „absoluten Unterversorgung“. Menschen mit Behinderung hätten denselben Anspruch auf gute Medizin wie alle anderen. Dr. Sophie Ruhrmann, Leiterin des Gesundheitsamts im Landkreis Gießen, sagte: „Zwischen diesem Anspruch und der Versorgungsrealität besteht vielfach eine Lücke.“ Ein MZEB in Mittelhessen solle Praxen und Kliniken dabei nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Alexander Mühlberger, Geschäftsführer der Lebenshilfe Hessen, berichtete von langen Wartezeiten in ganz Hessen. Teils führen Betroffene mehr als 100 Kilometer, um gut versorgt zu werden. Zudem hätten Menschen mit Behinderung eine um 14 Jahre geringere Lebenserwartung.
Ein MZEB für Mittelhessen würde Familien entlasten
Betroffene und Fachkräfte schilderten danach ihren Alltag. Samuel Groß, Behindertenbeauftragter der Stadt Gießen, berichtete, wie schwer es sei, einen passenden Hausarzt zu finden. Reiner Nitsch, Vater eines Sohnes mit Autismus, beschrieb die Wartezeit in der Klinik als „puren Stress“. Außerdem wünscht er sich eine feste Ansprechperson. Auch Fachkräfte der Lebenshilfe berichteten, wie viel Zeit die Absprache mit Ärzten kostet. Ein MZEB für Mittelhessen könnte hier laut Lebenshilfe vieles bündeln.
Außerdem beschrieb Dr. Dominik Lange, Unfallchirurg am Agaplesion Evangelischen Krankenhaus Mittelhessen, Notaufnahmen als grell, laut und voll. „Das macht Angst“, sagte er. Kinderärztin Dr. Christiane Schulze-Velmede aus Butzbach wies zudem auf den Bruch mit 18 Jahren hin. Dann müssten junge Menschen aus der Versorgung für Kinder wechseln.
Vorbild Frankfurt-Höchst
Wie ein solches Zentrum arbeitet, zeigte das MZEB Frankfurt-Höchst. Es wurde 2019 als erstes in Hessen gegründet. Das Team mit 17 Personen betreut in diesem Jahr rund 1800 Fälle. Allerdings beträgt die Wartezeit dort im Schnitt ein bis anderthalb Jahre.
„Wir wollen das heute als Auftakt sehen“, sagte Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe Gießen. Das Ziel sei ein MZEB für Mittelhessen, das „zwischen Frankfurt und Kassel überfällig ist“. Viele Teilnehmende trugen sich danach in eine Liste ein, um weiter mitzuarbeiten. Mehr Infos gibt es bei der Lebenshilfe Gießen.
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