Die Kreisverwaltung Gießen könnte ab 2030 an einem neuen zentralen Standort nahe des Hauptbahnhofs arbeiten. Nach einem wettbewerblichen Verfahren mit zunächst neun Grobkonzepten hat sich das Vorhaben der KL Projekt GmbH um Projektentwickler Kai Laumann als wirtschaftlichstes Angebot mit dem günstigsten Gesamt-Mietpreis herausgestellt. Ob der Landkreis die Gebäude auf dem Areal zwischen Liebigstraße und Frankfurter Straße tatsächlich anmietet, ist allerdings noch nicht entschieden. Darüber soll der Kreistag voraussichtlich am 7. September beraten und entscheiden.
Der mögliche Umzug ist das Ergebnis eines Prozesses, der bereits seit rund zwei Jahren innerhalb der Verwaltung vorbereitet wird. Ausgangspunkt war zunächst nicht die Suche nach einem neuen Gebäude. Vielmehr sollte geklärt werden, welche Anforderungen die Kreisverwaltung ab 2030 an Arbeitsplätze, Bürgerservice und Verwaltungsabläufe hat.
Anders als die Stadt Gießen, die mit dem Rathaus über eigene Verwaltungsgebäude verfügt, ist der Landkreis an seinen zentralen Standorten Mieter. Die Kreisverwaltung befindet sich seit 2009 am Riversplatz. Wegen zusätzlicher Aufgaben wurden in den vergangenen Jahren weitere Flächen unter anderem an der Automeile, im Gießener Bachweg und im Ursulum angemietet. Am Riversplatz und den betroffenen Außenstellen arbeiten knapp 900 Menschen.
Neun Grobkonzepte im Investorenwettbewerb
Da die Mietverträge an den betroffenen Standorten 2029 auslaufen und nicht für alle Gebäude Verlängerungsmöglichkeiten bestehen, musste sich der Landkreis frühzeitig mit der Zeit danach beschäftigen. Dafür wurde ein wettbewerbliches Verfahren gestartet.
Sieben Investoren reichten insgesamt neun Grobkonzepte für unterschiedliche Standorte ein. Auf Grundlage zuvor festgelegter Kriterien wurden fünf Konzepte ausgewählt, für die anschließend konkrete Angebote angefordert wurden. Bis Ende Februar gingen fünf Angebote ein. Eines davon konnte wegen fehlender Mindestbestandteile nicht gewertet werden, sodass vier Angebote in die abschließende Bewertung kamen. Die Vermieter der bisherigen Liegenschaften am Riversplatz reichten kein wertbares Angebot ein. Welche weiteren Standorte oder Projektideen im Wettbewerb angeboten wurden, wird mit Verweis auf Datenschutz und Wettbewerbsschutz nicht veröffentlicht.
Als wirtschaftlichstes Angebot mit dem günstigsten Gesamt-Mietpreis wurde schließlich das Projekt der KL Projekt GmbH priorisiert. Das Vorhaben trägt die Bezeichnung „Liebig Turm“.
Sollte der Kreistag dem Projekt nicht zustimmen, wäre der derzeitige Investorenwettbewerb beendet. Anschließend müsste innerhalb der Verwaltung neu geprüft werden, welche Handlungsoptionen noch bestehen. Zunächst soll jedoch die Entscheidung des Kreistags abgewartet werden.
Kein weiteres Stückwerk geplant
Ein wesentlicher Punkt des Konzepts ist die Bündelung möglichst vieler Verwaltungsbereiche an einem Standort. Ein weiteres Stückwerk aus mehreren zusätzlichen Standorten soll vermieden werden.
Beschäftigte müssen derzeit zwischen unterschiedlichen Gebäuden wechseln, gleichzeitig werden Post, Akten und andere Unterlagen zwischen den Liegenschaften transportiert. Auch Infrastruktur und technische Ausstattung müssen mehrfach vorgehalten werden.
Mit einem zentralen Standort sollen diese Wege reduziert und Verwaltungsabläufe vereinfacht werden. Das betrifft auch Bürgerinnen und Bürger, die je nach Anliegen unterschiedliche Verwaltungsgebäude aufsuchen müssen.
Eine Ausnahme bleibt bestehen: Das Gebäude der Zulassungsstelle im Bachweg ist Eigentum der Kreisverwaltung würde nicht mit auf das neue Areal ziehen, sondern an ihrem bisherigen Standort bleiben.
So soll der neue Verwaltungscampus aussehen
Das Konzept des Liebig-Turms umfasst mehrere Gebäude. Das ehemalige Telekomgebäude an der Liebigstraße soll saniert und teilweise aufgestockt werden. Hinzu kommen ein Neubau an der Ecke Frankfurter Straße und Liebigstraße, das bereits sanierte ehemalige Telegrafenamt sowie ein Geschoss in der benachbarten „Alten Post“. Der Standort könnte bis Ende 2029 vollständig bezogen werden.
Weitere Gebäude auf dem Areal möchte die Projektentwicklungsgesellschaft unabhängig davon errichten und an andere Nutzer vermarkten. Die Stadt Gießen hat das Planungskonzept positiv aufgenommen und die dafür notwendige Änderung des Bebauungsplans in Aussicht gestellt.

Auch die Verkehrsanbindung spielt bei der Bewertung eine Rolle. Der Hauptbahnhof ist rund zwei Gehminuten entfernt, mehrere Bushaltestellen liegen unmittelbar am Gelände. Für Pkw könnten Stellplätze in einer neuen Tiefgarage und oberirdisch auf dem Areal entstehen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, weitere Stellplätze in umliegenden Parkhäusern anzumieten. Über Frankfurter Straße und Lahnstraße soll das überörtliche Straßennetz in vier bis sechs Minuten erreichbar sein.
Flexible Büros statt fester Schreibtische
Der neue Standort würde außerdem mehr Möglichkeiten bieten, das bereits entwickelte Arbeitsplatzkonzept umzusetzen. Schon 2024 wurde mit Unterstützung eines Fachbüros untersucht, wie die Arbeitsplätze der Kreisverwaltung künftig organisiert werden sollen.
Dabei entstand unter anderem ein Desk-Sharing-Modell. Die einzelnen Organisationseinheiten sollen feste Heimatbereiche behalten, die Beschäftigten aber je nach Tätigkeit unterschiedliche Arbeitsplätze nutzen können. Hintergrund ist auch das mobile Arbeiten, durch das bestimmte Büroflächen nicht mehr dauerhaft besetzt sind.
Gleichzeitig fehlen an den heutigen Standorten andere Räume. Dazu gehören Bereiche für konzentriertes Arbeiten, Besprechungen, Aufenthalt und einen geregelten Publikumsverkehr. Auch bei Barrierefreiheit, Arbeitsschutz und energetischem Zustand gibt es Handlungsbedarf.
4,14 Millionen Euro Miete pro Jahr
Für die Gebäude des Liebig-Turms würde der Landkreis voraussichtlich rund 18.800 Quadratmeter Fläche anmieten. Das wären rund 1.500 Quadratmeter weniger als derzeit. Die geringere Fläche soll vor allem durch das neue Arbeitsplatzkonzept möglich werden.
Die jährliche Miete für Büro-, Verkehrs-, Lager- und Archivflächen würde voraussichtlich rund 4,14 Millionen Euro betragen. Im ersten Jahr wären wegen eines ausgehandelten mietfreien Zeitraums rund 3,1 Millionen Euro fällig.
Derzeit zahlt der Landkreis für seine angemieteten Verwaltungsflächen rund 2,56 Millionen Euro jährlich. Allein aufgrund vertraglicher Mietpreisanpassungen soll dieser Betrag bis 2030 auf voraussichtlich rund 2,75 Millionen Euro steigen. Die bestehenden Mietverträge wurden vor vielen Jahren zu damals geltenden Marktbedingungen geschlossen.
Auch der jetzige Standort müsste modernisiert werden
Ein Verbleib in den bestehenden Gebäuden wäre ebenfalls nicht ohne zusätzliche Kosten möglich. Dort gibt es unter anderem zu wenig Büroraum sowie Defizite bei Barrierefreiheit, Wärmedämmung, Modernisierung und Arbeitsschutz.
Um die heutigen Standorte langfristig weiterzuverwenden, wären deshalb Sanierungen und Umbauten nötig. Da der Landkreis die Gebäude nicht selbst besitzt, würden entsprechende Investitionen letztlich auch Auswirkungen auf die Mietkosten haben.
Die heutige und die mögliche künftige Miete lassen sich deshalb nicht ausschließlich anhand der jeweiligen Jahresbeträge vergleichen. Den höheren Mietkosten am Liebig-Turm sollen unter anderem weniger Fahrten zwischen den Dienststellen, weniger Transporte von Post und Akten sowie eine gebündelte IT und Infrastruktur gegenüberstehen. Konkrete Summen für diese möglichen Einsparungen wurden bislang nicht genannt.
Entscheidung liegt jetzt beim Kreistag
Damit steht der Kreistag vor einer grundsätzlichen Entscheidung über die künftige Unterbringung der Kreisverwaltung. Stimmt er dem Liebig-Turm zu, könnte die weitere Planung für einen gebündelten Verwaltungsstandort vorangetrieben werden.
Lehnt der Kreistag das Projekt ab, endet der aktuelle Investorenwettbewerb. Anschließend müsste die Verwaltung intern neu bewerten, welche Handlungsoptionen für die Zeit nach dem Auslaufen der bestehenden Mietverträge noch bestehen. Zunächst soll nun die Entscheidung des Kreistags abgewartet werden.

